Nach so vielen Jahren als Coach & Trainer habe ich zwar durchaus schon etwas Routine in Vortragsreisen und viel Selbstvertrauen gesammelt. Aber es war dann auf für mich etwas Außergewöhnliches, zwei Seminare in Paris halten zu dürfen. So dankbar ich für solch ungewöhnliche Erfahrungen bin, so merkwürdig habe ich mich auch gefühlt, für „nur zwei Seminare“ bis nach Paris zu reisen. Allein das sorgte schon für eine gewisse Anspannung und Aufregung bei mir. Das kommt nicht zuletzt dadurch, dass ich den Anspruch habe, dass sich die Reise- und Lebenszeit, die alle Teilnehmenden in die Seminare investieren, sich am Ende auch gelohnt haben soll. „Verschwendete Lebenszeit“ ist für mich der Inbegriff eines misslungenen Seminars.

Selbstvertrauen stärken: Demut und Dankbarkeit

Als ich dann noch erfahren habe, dass auch einige Teilnehmer aus anderen Ländern Europas nach Frankreich angereist waren – offenbar nur für meine Seminare –, da habe ich dann kurzzeitig auch so etwas wie Druck verspürt. Was mir persönlich in dieser Situation wieder einmal geholfen hat: meine Lieblingsstrategien Demut & Dankbarkeit. Zunächst mache ich mir das Worst-Case-Szenario klar und frage mich, was das Schlimmste ist, das mir passieren könnte. Und dann denke ich: „Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich mich bis auf die Knochen blamiere und die Leute Tomaten nach mir werfen und danach nie wieder mit mir reden möchten. Das ist alles.“ – Wer das Thema Dankbarkeit wirklich verinnerlicht hat, der weiß, dass mangelndes Selbstvertrauen nichts wirklich Schlimmes ist. Dadurch lösten sich auch meine Sorgen und Ängste mehr und mehr in Luft auf.

Es geht um die Beziehung zum Publikum

Deshalb verspüre ich auch vor „größeren“ Vorträgen, wo dann einige Hundert Menschen oder mehr im Publikum sitzen, Aufregung oder geringe Nervosität. Aber ich habe nicht wirklich Angst oder wenig Selbstvertrauen – denn das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich mich lächerlich mache. Und da ich mittlerweile überzeugt bin, dass es bei so einem Event nicht primär um mich und mein Ego geht, ist das keine große Sache. Zu glauben, dass sich bei einem Event mit 1000 Personen alles um 1 Person dreht, ist eher eine narzisstische Wahnvorstellung. Es geht um das, was „zwischen“ den Menschen passiert, es geht um die Wirkung, die sich in diesem Setting entfaltet – und natürlich bin ich Teil dieser Wirkung, natürlich rege ich diese Wirkung an; aber sie hängt nicht nur von mir ab, sondern auch von der Stimmung und der Offenheit, die alle Teilnehmenden mitbringen. Daraus ergibt sich ein kompliziertes Geschehen an Wechselwirkungen, das niemand mehr kontrollieren kann.

Und: „This is not about you“

Es hilft mir gegen mangelndes Selbstvertrauen, meinen Aufmerksamkeitsfokus vor so einem Event nicht darauf zu richten, was mit mir passiert, wie ich auf das Publikum wirke, ob mich alle gut finden, ob ich anderen gefalle oder missfalle. Es ist viel hilfreicher, dass ich mich darauf konzentriere, was ich aktiv tun kann, damit bei von diesem Event eine Wirkung ausgeht, die möglichst viele Menschen ergreift und die man auch mit nach Hause nimmt, damit sich daraus auch langfristige Veränderungen ergeben. Das ist mein Ziel. Mein Ego versuche ich dabei – so gut es geht – aus dem Spiel zu lassen. „This is not about you!“ ist für mich ein Satz, in dem eine große Entlastung liegen kann. Und meistens entsteht dadurch eine Atmosphäre, die man mit keiner Strategie hätte aktiv herstellen können, sondern die sich einstellt, wenn ich Menschen überzeugend verständlich machen kann, dass ich heute wegen ihnen hier bin; und nicht nur sie wegen mir.

Und sollte ich mich doch einmal lächerlich machen – was dadurch lustigerweise nur ein- oder zweimal, und auch nur im Ansatz vorgekommen ist –, dann könnte auch davon eine sinnvolle Wirkung ausgehen. Wenn ich mich so dumm anstelle, dass jemand anderes lernen kann, wie man es auf keinen Fall machen sollte, und das dann für sich ein Leben lang umsetzt – dann habe ich mein Ziel erreicht: nämlich langfristige Veränderung zu bewirken. Dann ist es nur noch eine Kleinigkeit, mein angekratztes Ego zu trösten und meinem Selbstvertrauen etwas Gutes zu tun.

Selbstvertrauen vs. konstruiertes Ego

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich das denn alles mache mit diesen vielen Vorträgen und Seminaren, ob ich denn immun sei gegen Sorgen und Befürchtungen oder ob ich einfach ein großes Selbstbewusstsein habe… Ich weiß oft nicht, was ich so recht darauf antworten soll. Ein großes Selbstbewusstsein im herkömmlichen Sinne habe ich nicht, bzw. ich habe es nicht mehr. Ich glaube, dass es beim persönlichen Wachstum nicht darum geht, mehr Ego zu entwickeln – sondern weniger. Ich glaube nicht, dass Christiano Ronaldo ein gutes Beispiel für Selbstbewusstsein ist. Auch Donald Trump nicht. Diese Personen mögen Selbstvertrauen haben, was immer nur durch äußerst selektive Realitätswahrnehmung umsetzbar ist. Selbstbewusstsein ist das nicht, denn diese Sicherheit besteht ja gerade darin, dass sie sich ihres vollständigen Selbst nicht bewusst sind, dass sie ihre eigenen Fehler und Irrtümer nicht sehen und aktiv ausblenden. Das ist dann ein weitgehend unbewusstes Selbst.

Mir schwebt eher eine Art Selbstbewusstsein vor, bei der Selbstvertrauen nicht in der Kultivierung des eigenen Egos besteht, sondern in der Dekonstruktion und Auflösung des eigenen Egos. Ein großes Ego haben ist in diesem Sinne das Gegenteil von Selbstbewusstsein haben. Und nur dieses Ego ist überhaupt anfällig für Angriffe von außen. Wenn sich auf einem Vortrag jemand über mich lustig machen sollte, dann kann davon nur mein konstruiertes Ego betroffen sein, weil mein Selbst dafür überhaupt keine Angriffsfläche bieten kann. Nur, wenn ich versuche, ein gewisses Selbstbild zu konstruieren und anderen gegenüber überzeugend zu inszenieren, biete ich eine Fläche, die dann angegriffen werden kann. Das wäre dann vielleicht so eine Art Tipp, den ich jemandem geben könnte, der seine Sorgen vor Vorträgen und Seminaren und sein mangelndes Selbstvertrauen überwinden möchte: „Wenn du nicht getroffen werden möchtest, dann musst du aufhören, Zielscheibe zu spielen.“

Ich hoffe, diese Gedanken helfen Ihnen weiter. Wenn nicht, fände ich das sehr schade – aber ich würde trotzdem gut schlafen 😉

Euer/Ihr Hendrik Wahler